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Die Geschichte des Quartiers
Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts bestand Stuttgart
aus drei deutlich voneinander geschiedenen Stadtbezirken oder Stadtteilen: Der
sogenannten Inneren Stadt, der ursprünglichen oder eigenen Stadt, dem
Siedlungsoval zwischen dem Großen Graben, der späteren oberen Königstraße, und
der Eberhardstraße sowie dem Alten Schloss, und zwei im 14. und 15. Jahrhundert
entstandenen Vorstädten, der sogenannten Esslinger oder St.-Leonhards-Vorstadt,
die ihr Zentrum in der St.-Leonhardskirche hatte, und der Oberen Vorstadt mit
dem Mittelpunkt Hospitalkirche.
Die Vorstadt rings
um die Hospitalkirche hieß zunächst die „Turnierackervorstadt“. Auf dem Areal,
auf dem sie erbaut wurde, hatten die Grafen von Württemberg einen 1451 erstmals
urkundlich nachweisbaren Turnierplatz für Ritterspiele angelegt. Möglicherweise
wurde dieser Platz bereits 1445 bei der Hochzeit Graf Ulrichs V., des
Vielgeliebten, mit Elisabeth, der Tochter des Herzogs Heinrich von
Bayern-Landshut, benützt.
Da der
Turnieracker durch drei im 14./15. Jahrhundert geschaffene künstliche Seen im
Bereich der heutigen Schloss-, Silberburg-, Rosenberg-, Kriegsberg- und
Keplerstraße gegen feindliche Angriffe geschützt war, eignete er sich für eine
Überbauung. Stuttgart, die aufstrebende Haupt- und Residenzstadt der
württembergischen Grafen, suchte um 1450 nach Ausdehnungsmöglichkeiten. Es
konnte seine wachsende Bevölkerung nicht mehr in den engen, durch Mauern
umschlossenen Bezirken von Innerer Stadt und St.-Leonhards-Vorstadt
unterbringen. Die Besiedelung des Turnierackers, der der Landesherr offenbar
bereitwillig zustimmte, war Gericht und Rat der Stadt daher höchst willkommen.
Stuttgart
um 1600. Illustration nach Merian.
Stuttgart
um 1600
Stuttgart
um 1500
Die neue Vorstadt
entwickelte sich rasch. In der um 1470 am Rande des eigentlichen Turnierackers
errichteten Marienkapelle erhielt sie ihr geistliches Zentrum. Kein Wunder, wenn
die Vorstadt bald auch unter dem Namen „Unserer lieben Frauen Vorstadt“
firmierte. Im 17./18. Jahrhundert gesellte sich dann ein dritter Name hinzu: die
Reiche Vorstadt.
Seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts war die
Turnierackervorstadt von einem weit ausgedehnten Befestigungssystem
versehen.
Starke Mauern und
mehrere Toren, darunter das repräsentative Büchsentor, umschlossen das neue
Quartier. Dieses schloss auch umfangreiche unüberbaute Flächen, meist
Gartenland, ein. Im Gegensatz zu der dicht besiedelten, verwinkelten Innenstadt
und auch zur St.-Leonhards-Vorstadt, in der vor allem Handwerker und wenig
begüterte Weingärtner ansässig waren, verfügte der weithin planmäßig,
schachbrettartig angelegte Stadtbezirk nördlich des Großen Grabens über eine
gesunde Lage mit großzügig bemessenen Bauplätzen einschließlich
Gartengrundstücken. Er übte deshalb auf wohlhabende Bürger eine starke
Anziehungskraft aus.
Hier gab es
bereits in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, wie Chronisten berichten,
„die schönsten Häuser und die lustigsten Straßen“ Stuttgarts. Auch hatte damals
schon der „Turnieracker“ seinem Steueraufkommen nach die Esslinger Vorstadt und
selbst die Innere Stadt überflügelt. Später ließ er hinsichtlich der Einkommens-
und Vermögensverhältnisse der Bewohner die beiden anderen Stadtbezirke noch
erheblich weiter hinter sich.
Deshalb führte er die Bezeichnung „Reiche
Vorstadt“ durchaus zu Recht.
Stuttgart
um 1900.
Der
Mönchsbau
des früheren Dominikanerklosters, nach einer
Lithografie von Schacher, um 1850
Schlussstein
des Kreuzgewölbes vom Fürstenstand mit Wappen des Grafen Ulrich V. des
Vielgeliebten, 1479
Von 1442 bis 1482
war die Grafschaft Württemberg geteilt. In Stuttgart, der Hauptstadt der
nördlichen und östlichen Hälfte der Grafschaft, regierte Graf Ulrich V., der
wegen seiner leutseligen, frohgemuten Sinnesart „der Vielgeliebte“ genannt
wurde. Ulrich besaß in der Politik keine glückliche Hand. Er ließ sich
wiederholt in unüberlegte militärische Abenteuer ein, die ihm und seinem Land
sehr schadeten.
Doch war er ein frommer Herr, ein Mäzen von Kunst und
Wissenschaft.
Ihm verdankt
Stuttgart seine einzige klösterliche Niederlassung. Auf dem Turnieracker ließ er
an der Stelle der bereits erwähnten kleinen Kapelle durch Aberlin Jörg, den
Erbauer der spätgotischen Stifts- und St.-Leonhards-Kirche in Stuttgart und
zahlreicher anderer Kirchen im Land eine „Unserer lieben Frauen und dem heiligen
Ulrich“ gewidmete Kirche errichten. Am 13. Juli 1471, dem Namenstag seiner Frau,
dem St.-Margareten-Tag, wurde der Grundstein zu dem Gotteshaus gelegt, zwei
Jahre später hatte Aberlin Jörg den herrlichen Chor der Kirche
fertiggestellt.
Jetzt fügte der
Graf ein größeres Areal dem im Bau befindlichen Gotteshaus zur Erstellung eines
Konventsgebäudes an, und er bestimmte die Kirche zum geistlichen Mittelpunkt des
von ihm gestifteten Dominikanerklosters. Auf die Bitte Ulrichs entsandte der
Prior des Nürnberger Dominikanerklosters, Peter Kirschschlag, der mit seinem
Konvent der ausgeprägt reformerischen Richtung seines Ordens angehörte, zwölf
Brüder nach Stuttgart, um hier eine neue klösterliche Gemeinschaft zu
begründen.
Die
Hospitalkirche
nach der Zerstörung durch alliierte
Bombenangriffe im September 1944.
Die
völlig zerstörte Hospitalkirche.
Die
alte Stuttgarter Synagoge
im maurischen Stil von 1861. Die
heutige Synagoge steht an der selben Stelle.
Mit der Einführung
der Reformation durch Herzog Ulrich 1534/35 nach Rückkehr aus 15-jährigem,
selbstverschuldetem Exil endete die 60-jährige Geschichte des Klosters. 1536
wurde es aufgehoben. Zwei der bisherigen Klosterbrüder traten in den Dienst der
evangelischen Kirche. Die anderen fünf oder sechs am alten Glauben festhaltenden
Mönche durften noch bis 1540 im Konventsgebäude bleiben. Das Kloster übergab
Herzog Ulrich der Stadt, die in ihm ihr Spital unterbrachte.
Die
Klosterkirche, nunmehr die Hospitalkirche, wurde evangelisches Gotteshaus. Als
erster evangelischer Geistlicher wirkte an ihr der Reformator Erhard
Schnepf.
Nach dem
Schmalkaldischen Krieg und der Einführung des sogenannten Interims wurde in ihm
von 1548 bis 1551 nochmals für kurze Zeit der katholische Gottesdienst
restituiert.
1894 bezog das jetzt Bürgerhospital genannte Spital in der
Tunzhofener Straße einen Neubau. Das seitherige Spitalgebäude, das in den Jahren
1839 bis 1844 baulich erneuert und vergrößert worden war und teilweise einen
dritten Stock erhalten hatte, wurde vom Stadtpolizeiamt
übernommen.
Im Kreuzgang des
ehemaligen Dominikanerklosters war bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg das
Städtische Lapidarium untergebracht. Neu aufgebaut vor allem durch Gustav Wais
und Wilhelm Speidel wurde es 1950 im Ostertag-Siegle’schen Garten (Mörikestraße
24).
1742 erhielt die Hospitalkirche den seit langem von der
Bürgerschaft auf dem Turnieracker schmerzlich entbehrten
Turm.
Maria
Magdalena
trauert am Kreuz in der total zerstörten
Hospitalkirche. Detailaufnahme der Kreuzigungsgruppe von Hans Seyffer aus dem
Jahre 1501
Die
Hospitalkirche im Wiederaufbau
Die
Büchsenstraße
von der Leuschnerstraße her mit Blick auf die
wieder entstehende Hospitalkirche.
Wie die der
Stifts- und die St.-Leonhards-Kirche als Gemeindeglieder zugewiesenen
Stuttgarter, hielt es auch sie für selbstverständlich, dass sie Kirchenglocken
zu den Gottesdiensten riefen und dass diese beispielsweise auch bei
Leichenbegängnissen mit ihrem Geläut den feierlichen Rahmen gaben.
Eine
zweite Kirche ließ Herzog Carl Eugen durch den Architekten Reinhard Ferdinand
Heinrich Fischer an der Ecke Hospital-/Kanzlei-(Willi-Bleicher-)Straße im Jahr
1777 erbauen:
Die alte
Garnisonskirche. Sie wurde durch die Umgestaltung einer ehemaligen
Herrschaftsscheune des Bauhofs geschaffen. Wiederholt zweckentfremdet, zuletzt
ab 1879 zusammen mit dem benachbarten Hofwaschhaus als Futtermagazin für das
Ulanenregiment, musste sie 1889 dem Bau des Landesgewerbemuseums weichen. An
ihre Stelle trat die zwischen 1875 und 1879 durch Conrad Dollinger im
neuromanischen Stil nach dem Vorbild des Speyrer Doms erbaute Neue
Garnisonskirche, Lindenstraße (heute Kienestraße) 49 am Gewerbehalle-Platz; 1943
brannte die Kirche aus, die Ruine wurde später abgetragen.
Heute weist
lediglich noch die Büchsenstraße auf dieses Kapitel Stadtgeschichte hin. Vor dem
alten Büchsentor befand sich schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts das
Büchsenhaus (das Schützenhaus). Hier übten sich die damals allgemein zum
Waffendienst verpflichteten Stuttgarter Bürger im Schießen. Hier besaß auch der
älteste Stuttgarter Verein, die 1500 gegründete und noch heute bestehende
Schützengilde, ihre erste Schießstätte. 1716 wurde neben dem Büchsentor, aber
innerhalb der Stadtmauer ein neues Schießhaus errichtet. Doch schon 1750 ließ
Herzog Carl Eugen in diesem Gebäude eine Husarenkaserne einrichten und in
Hufeisenform entlang der Kasernenstraße Stallungen für 150 Pferde
aufführen.
Die
Gymnasiumstraße im Wiederaufbau
Blick auf den entstehenden
Hospitalhof von St.-Agnes her.
Motor-Presse-Stuttgart
Sitz der Vereinigten Motor-Verlage, einem traditionellen internationalen
Verlagsunternehmen mit Hauptsitz in Stuttgart - größter Arbeitgeber im
Hospitalviertel.
Die
wiedererbaute Hospitalkirche
und der Saalbau des Hospitalhofs -
noch ohne die heutige dichte Baumbewachsung
Weithin in
Vergessenheit geraten ist, dass mit der Reichen Vorstadt bzw. dem
Hospitalviertel die Entstehung der freiheitlich-demokratischen Staats- und
Gesellschaftsordnung in Württemberg aufs Engste verbunden ist. Von der zweiten
Hälfte des 16. Jahrhunderts bis zur Machtusurpation des totalitären NS-Regimes
im Jahr 1933 hatten in der Kronprinzstraße, zuvor Landschaftsgasse, die
parlamentarischen Gremien des Herzogtums, des Königreichs und des demokratischen
Volksstaats ihren Sitz.
Noch heute lebendig ist die zumindest bis ins
16. Jahrhundert zurückreichende große Schultradition des
Hospitalviertels.
Herzog-Administrator Friedrich Karl von Württemberg,
der Großvater Herzog Carl Eugens, ließ in der Gymnasiumstraße 3/5, Ecke
Kronprinzstraße1685/86 für die von ihm als „Gymnasium illustre“ bezeichnete
Schule einen beeindruckenden Neubau aufführen. Im Mai 1886 wurde eine unter der
Leitung der Sießener Franziskanerinnen stehende Katholische Töchterschule
errichtet, die im Verlauf eines Jahrzehnts zur Höheren Töchterschule aufstieg,
dem heutigen Mädchengymnasium St.-Agnes. Ab 1891 stand der Schule in der
Gymnasiumstraße 47 ein eigenes Haus zur Verfügung.
Die große
Schultradition des Hospitalviertels gehört heute längst der Vergangenheit
an.
Ein Teil der
Schulen verließ bereits vor dem Ersten Weltkrieg das Viertel, weil die stetig
anwachsenden Schülerzahlen nicht mehr in den beengten bisherigen Schulgebäuden
unterzubringen waren und hier der Platz für Neubauten nicht zur Verfügung stand.
Andere Schulgebäude fielen dem Bombenkrieg in den Jahren 1943 und 1944 zum
Opfer. Heute befindet sich von den renommierten Schulen des 19. und frühen 20.
Jahrhunderts lediglich noch das St.-Agnes-Gymnasium hier.
Das
ver.di-Haus
War bis vor wenigen Jahren Sitz der Vereinigten
Dientsleistungs-Gewerkschaft ver.di
Der
Gustav-Heinemann-Platz
mit Blick auf die Stuttgarter
Börse.
Jugendhaus
Mitte
Das älteste Stuttgarter Jugendhaus, gegründet noch unter
alliierter Besatzung zur demokratischen Erziehung der jungen
StuttgarterInnen
Bis Anfang des 19.
Jahrhunderts war Stuttgart eine rein evangelische Stadt. Die wenigen Katholiken
und Juden, denen auf Geheiß des Landesherrn die Niederlassung zugestanden werden
musste, besaßen im Allgemeinen keine bürgerlichen Rechte. Dies änderte sich mit
dem Aufstieg Württembergs zum Kurfürstentum 1803 und zum Königreich 1806. Jetzt
erhielten die Katholiken die vollen Bürgerrechte. Ihr kirchliches Zentrum wurde
St.-Eberhard in der unteren Königstraße. Harten Widerstand hingegen begegnete
die Emanzipation der Juden. Das Untertanenrecht wurde ihnen schließlich 1828
zugestanden, die uneingeschränkte staatsbürgerliche Gleichberechtigung erst nach
und nach in den folgenden vier Jahrzehnten.
1837 konnte die
Israelitische Gemeinde mit finanzieller Unterstützung der früheren
Hoffaktorenfamilien Kaulla und Pfeiffer einen Betsaal in der Langen Straße 16
einrichten. Damit rückte das Hospitalviertel in den Mittelpunkt des religiösen
und kulturellen Lebens der Stuttgarter Juden. Und dies war erst recht der Fall,
nachdem die Gemeinde 1856 in der Hospitalstraße 36 einen Bauplatz erworben und
auf ihm unter beträchtlichen finanziellen Opfern ein repräsentatives Gotteshaus
in maurischem Stil errichtet hatte. Die feierliche Einweihung der Synagoge
empfand die Stuttgarter Bürgerschaft als ein bedeutendes Ereignis.
Das
50jährige Synagogenjubiläum im Jahr 1911 vereinte Juden und Christen. Die
Bewohner des Hospitalviertels pflegten damals – von wenigen Ausnahmen abgesehen
– ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis zueinander. Religiöse Gegensätze und
erst recht antisemitische Vorurteile belasteten das Zusammenleben kaum.
Das Hospitalviertel war vom ausgehenden 18. bis zum frühen 20.
Jahrhundert ein Zentrum geselligen und kulturellen Lebens. Eine herausragende
Stellung nahm hier die 1807 gegründete Museumsgesellschaft, auch „Oberes Museum“
genannt, ein.
Der vom Adel und
vom gehobenen Bürgertum getragenen Gesellschaft gehörten zahlreiche bedeutende
Persönlichkeiten an: Diplomaten, Politiker, Minister, Architekten, Generale,
Schriftsteller, Wissenschaftler, Künstler usw. Das Veranstaltungsprogramm war
reichhaltig und anspruchsvoll: u. a. Vorträge, Gesellschaftsabende, Konzerte,
Bälle.
Ähnliche Ziele wie die Museumsgesellschaft verfolgte die 1832 ins
Leben gerufene „Bürgergesellschaft“, auch unter dem Namen „Bürgermuseum“
bekannt. In ihr gaben Angehörige der bürgerlichen Mittelschicht, Handwerker und
Gewerbetreibende, den Ton an. Ihre gesellschaftlichen und kulturellen
Aktivitäten waren bescheidener, ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten beschränkter
als die der Museumsgesellschaft. Sie hielt zunächst ihre Veranstaltungen in
gemieteten Räumen ab.
Der
Hospitalhof
ist der Sitz des Evangelischen Bildungswerks und
vieler kirchlicher Einrichtungen. Hier der Blick auf den Haupteingang des
Saalgebäudes
Gedenktafel
am Eingang zum Hospitalhof
für die Opfer des
Nationalsozialismus mit der Inschrift: "Im Gebäude des Stuttgarter
Dominikanerklosters und späteren städtischen Hospitals war seit 1895 das
Polizeigefängnis untergebracht. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden hier
viele Menschen gequält und gedemütigt. Zum Gedenken an die Sinti und Roma,
Mitbürgerinnen und Mitbürger, die dem nationalsozialistischen Völkermord zum
Opfer fielen. Zum Gedenken an die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die
entrechtet, deportiert und ermordet wurden. Zum Gedenken an alle, die aus
politischen und religiösen Gründen verfolgt wurden."
Im
Mauerstein eingeritzte Darstellungen
von Stuttgarter Gebäuden
hinter dem Reformationsdenkmal an der Hospitalkirche. Links das Alte Schloss, in
der Mitte der Stiftsfruchtkasten und daneben die Stiftskiche.
Ein Treffpunkt für
Künstler und Literaten während mehr als drei Jahrzehnten war das Haus von
Eberhard Friedrich Georgii (1757 – 1830). Büchsenstraße 50. Georgii, von 1779
bis 1781 Professor an der Militärakademie, der nachmaligen Hohen Carlsschule,
erhielt wegen seines mannhaften Protests gegen die Aufhebung der
altwürttembergischen Verfassung Ende 1805 den Ehrentitel „der letzte
Württemberger“. Im Garten hinter seinem Haus traf sich während des Sommers ein
gutes Dutzend Honoratioren zur wöchentlichen Kegelpartie. Zu dieser Gesellschaft
gehörten der Bildhauer Johann Heinrich Dannecker, der Kunstmäzen Georg Heinrich
Rapp sowie der Epigrammatiker Friedrich Haug.
Hof- und
Domänenrat Johann Georg Hartmann (1731 – 1811) und sein Sohn Georg August
Hartmann (1764 – 1849), Professor der Kameralwissenschaft an der Hohen
Carlsschule, später unter König Wilhelm I. Wirklicher Geheimer Rat, öffneten ihr
Haus auf dem Bollwerk an der Kreuzung Kasernen- und Gartenstraße (Leuschner- und
Fritz-Elsas-Straße) in großzügiger Gastfreundschaft Dichtern, Künstlern,
Philosophen und Staatsmännern.
Ein architektonisches Schmuckstück sollte
das zwischen 1889 und 1896 erbaute Landesgewerbemuseum
werden.
Skjöld Neckelmann
entwarf es iin eigenwilligem übersteigertem italienischen Renaissancestil; das
heutige Haus der Wirtschaft wurde auf dem Areal der einstigen Gardekaserne und
insbesondere der alten Garnisonskirche zwischen Schloss-, Linden-, Hospital- und
Kanzleistraße (Schloss-, Kiene-, Hospital- und Willi-Bleicher-Straße) erstellt.
Bis hinein in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts änderte sich an
der städtebaulichen Struktur des Hospitalviertels trotz verlorenem Ersten
Weltkrieg und Inflation wenig.
Die
Büchsenstraße von der Leuschnerstraße her
Links das Haus der
Evangelischen Gesellschaft mit Wärmestube und Buchhandlung, rechts ist das Haus
des Stuttgarter CVJM zu sehen.
Der
Treffpunkt Rotebühlplatz (Rotebühlbau)
von der
Fritz-Elsas-Straße aus fotografiert
Das
Reformationsdenkmal
von Jakob Brüllmann aus dem Jahre 1917 zur
400-Jahr-Feier der Reformation. Links der württembergische Reformator Johannes
Brenz, rechts Martin Luther und in der Mitte der auferstandene
Christus.
Stattliche Bürgerhäuser, die zum Teil noch bis
ins 17./18. Jahrhundert zurückreichten, kleinere Geschäfte und
Handwerksbetriebe, lagen mit städtischen und staatlichen Bauten, mit
Hospitalkirche, Synagoge, Vereinsheimen im Gemenge. Es war ein organisch
gewachsener Stadtbezirk, Heimat für tausende von Menschen.
Dass die
NS-Machtübernahme eine schreckliche Katastrophe für Deutschland und die ganze
zivilisierte Welt bedeutete, war zunächst nur einer kleinen Minderheit
bewusst.
Das Verderben kam schleichend, zunächst noch
kaschiert, steigerte sich dann aber zunehmend. Recht und Gerechtigkeit galten
nichts mehr, die Menschenwürde wurde in den Schmutz gezerrt. Der Hass der neuen
Herren richtete sich gegen ihre politischen Gegner, Kommunisten,
Sozialdemokraten, bald auch gegen liberale Demokraten, gegen das katholische
Zentrum, gegen die christlichen Kirchen, soweit diese sich der ideologischen
Gleichschaltung, d. h. einer Verfälschung des christlichen Glaubens und der
christlichen Lehre im NS-Sinne widersetzten, ganz besonders aber gegen die
„rassisch“ angeblich minderwertigeren Juden, gegen Sinti und Roma.
Das Polizeigefängnis in der Büchsenstraße, die
„Büchsenschmiere“, wurde zu einem Ort grausamer Quälereien. Hunderte von
politischen und ideologischen Gegnern des Regime wurden dort inhaftiert. Im
Herbst 1938 trieb man hier die in Stuttgart und Umgebung lebenden Juden
polnischer Staatsangehörigkeit zusammen, um sie anschließend nach Polen
abzuschieben.
Gleiches geschah dann im Krieg mit den Sinti und Roma vor
ihrer Deportation in Konzentrations- und Vernichtungslager im Osten.
Die
"Sieben Schwaben" -
ein ehrgeiziges Bauprojekt der fünfziger
Jahre für die heutige Theodor-Heuss-Straße, das glücklicherweise nicht
realisiert wurde.
Die
Hofdienergarage
an der Schlossstraße
Das
Haus des Deutschen Gewerkschaftsbundes
an der
Willi-Bleicher-Straße. Im Vordergrund der Gustav-Heinemann-Platz.
Im Frühjahr 1945
hinterließ das verbrecherische Hitler-Regime ein Meer von Blut und Tränen. Not
und Elend überall. Der Wiederaufbau gestaltete sich äußerst mühsam. Erst nach
der Währungsreform im Juni 1948 erstarkten die wirtschaftlichen Auftriebskräfte.
Das Hospitalviertel entstand neu. Die einstige Wohnstadt wandelte sich zu einem
Büro- und Geschäftszentrum, durch das die Theodor-Heuss-Straße, die frühere Rote
Straße, als eine der Hauptverkehrsachsen der Innenstadt eine breite, schmerzende
Schneise schlug.
Banken, Versicherungen, Kaufhäuser, Niederlassungen von
Wirtschaftsverbänden und Großfirmen, Hotels, Behördenbauten, darunter das
baden-württembergische Wirtschaftsministerium, bestimmen heute das Bild des
Viertels; es bildet einen Teil der Stuttgarter City.
Die Zahl der im
Bereich der einstigen Reichen Vorstadt lebenden Menschen schrumpfte, bereits
1960 auf ein Viertel des Vorkriegsstandes, und sie ging in der Folgezeit noch
weiter zurück. Lange war der Wiederaufbau der Hospitalkirche strittig, waren
doch von dem Gotteshaus außer dem Turmstumpf lediglich die Wände des
spätgotischen Chors und die Südmauer des Kirchenschiffs erhalten geblieben.
Glücklicherweise setzten sich schließlich die Befürworter eines Wiederaufbaus,
an ihrer Spitze Prof. Dr. Gustav Wais und Fabrikant Dr. Paul Lechler,
durch.
Indes begnügte man
sich mit einer verkleinerten Kirche.
Die
Rote Straße -
die heutige Theodor-Heuss-Straße - in den 20er
Jahren des letzten Jahrhunderts
Die
Rote Straße im Jahr 1962
St.-Agnes
Katholisches Mädchengymnasium mit weit über 100jähriger Tradition im
Hospitalviertel. Geleitet von Sießener Franziskanerinnen.
Neu gebaut wurde
unter Verwendung und Erweiterung des Chors ein Gotteshaus mit 630 Sitzplätzen;
die alte Hospitalkirche hatte 1710 Sitz- und 800 Stehplätze gehabt. Am 21.
Februar 1960 konnte die nach den Plänen von Professor Rudolf Lempp neu
geschaffene Hospitalkirche eingeweiht werden. Ein Jahr später, am 25. Februar
1961, wurde der von Dipl.-Ing. Arch. Wolf Irion erbaute Hospitalhof seiner
Bestimmung übergeben. Der Hospitalhof, ein modernes Verwaltungs- und
Begegnungszentrum, entwickelte sich dank des vorbildlichen Engagements der hier
tätigen Frauen und Männer zu einem weit ausstrahlenden
kirchlich-gesellschaftlich-kulturellen Mittelpunkt.
Dass Überlebende
der Shoa, des Holocaust, im Jahr 1952 auf dem Areal der 16 Jahre zuvor
zerstörten Synagoge, Hospitalstraße 36, ein neues Gotteshaus errichten konnten
und dass dieses Synagoge zum Mittelpunkt der neuen Israelitischen Gemeinde
wurde, bot die Möglichkeit, über den Abgrund irrsinniger, unmenschlicher Gewalt
eine Brücke zu schlagen, d. h. einen Neuanfang des menschlichen Miteinander von
Christen und Juden zu machen, und dafür sind wir dankbar. Die Fünfzig-Jahr-Feier
der neuen Synagoge im Frühsommer 2002 bedeutete daher ein Fest für das
Hospitalviertel, ja für die ganze Stadt Stuttgart.
(Der Text ist
auszugsweise dem von Prof. Dr. Paul Sauer, Leitender Stadtarchivdirektor i. R.
in der Hospitalkirche am 18. Juli 2003 anlässlich des Stadtteilfests im
Hospitalviertel vorgetragenen Aufsatz "Die Bedeutung des Hospitalviertels für
Stuttgarts Geschichte, Gegenwart und Zukunft" entnommen.
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